Choräle auf sechs Saiten - Himmlische Gitarrenmusik

 Das bringt Gitarristen, die glauben, jedes Lied sei mit einer G-Dur ? oder E-Dur-Kadenz zu begleiten, normalerweise ganz schön ins Schwitzen: Einen Choral mit seiner vielgestaltigen und von Ton zu Ton wechselnden Akkordik zu harmonisieren.  Reinhard Börner erschließt seinem Instrument mit dieser CD ein Repertoire, das bisher weitgehend unangefochten der Orgel oder bestenfalls dem Klavier zustand. Der Interpret widerlegt die ? auf manch anderen Musiker sicher zutreffende ? Bemerkung des Katholiken und Orgelromantikers Max Reger (1873-1916): "Die Protestanten wissen gar nicht, welch einen Schatz sie in ihren alten Chorälen haben."  Börner weiß um diesen Schatz. Er hat ihn gehoben und mit viele Gespür für die klanglichen Spezifika der Gitarre aufpoliert. Da treten anstelle wuchtiger Akkordblöcke filigrane Arpeggien, da umspielen schmeichelnde Triolen und organisch fließende Gegenstimmen die kantig - kraftvollen Melodien eines Georg Neumark ( "Wer nur den lieben Gott lässt walten") oder Johann Crüger ( "Jesu meine Freude"). Alle elf Titel ? darunter pietistische Klassiker wie "Ich bete an die Macht der Liebe" und "So nimm denn meine Hände" ? sind als Variationszyklen gearbeitet. Dabei entwickelt sich die Stilistik von klassischer Harmonik und Rhythmik zu immer lebendigeren und gewagteren Klangbildern. Dass dennoch keine Einförmigkeit aufkommt, liegt einerseits an dem stark gegensätzlichen Ausdrucksgehalt der Melodien, andererseits am Einfallsreichtum des Interpreten, der den melodischen Vorlagen stets neue Facetten abgewinnt. Laut Aussage im CD - Beiheft hat Börner die Auseinadersetzung mit den Melodien als Herausforderung empfunden. Das ist deutlich zu spüren . Denn da ist nichts oberflächlich oder schematisch, da hat jeder Ton seinen Platz und seinen Sinn. Übrigens hat Börner sofort nachgelegt: Eine weitere CD mit gleichem Titel und dem Untertitel "Schönster Jesu" ist im selben Verlag erschienen.

Michael Klein, idea-spectrum